Augsburg: Prozessauftakt gegen Kinderarzt Harry S.

Augsburg: Prozessauftakt gegen Kinderarzt Harry S.

In Augsburg beginnt der Prozess gegen den Kinderarzt Harry S. Er soll 21 Kinder missbraucht haben. Wir berichten live aus dem Gerichtssaal.

  • Eine kurze Zeit habe er es mit eine Beziehung zu einer Arbeitskollegin vom Augsburger Klinikum versucht - ohne Erfolg. Eine kurze Phase des Glücks habe er erlebt, als er eine weitere Beziehung begonnen habe. Er habe gedacht, er habe seine Neigung überwunden.

    Wie sich später herausstellen sollte, war das nicht der Fall. Der Sohn seiner damaligen Partnerin ist laut Anklage eines von 21 Opfern. Harry S. soll ihn mehrfach missbraucht haben.

  • Die Beziehung zu der Frau scheiterte letztlich daran, dass es keine sexuelle Basis gab. "Den Grund konnte ich aber nicht nennen", so S.
  • Ab einem Alter von 21 habe er sich nur noch für kleine Jungs interessiert, berichtet Harry S.

    "Welche Rolle spielte ihre Neigung zu Kindern bei ihrer Berufswahl?", fragt Richter Hoesch. S. antwortet: "Das mag komisch klingen: gar keine." Er berichtet, dass er über Umwege zu seinem Berufswunsch gekommen sei.

  • In der Kinderklinik habe er sich vom ersten Moment an sehr wohl gefühlt. Der Umgang sei sehr kollegial gewesen, das habe ihm sehr gut gefallen. Letztendlich sei er gefragt worden, ob er sich im Augsburger Klinikum bewerben wolle. Die Arbeit sei für ihn wie "eine rettende Insel" gewesen. Und obwohl er in der  Kinderklinik ständig von Kindern umgeben gewesen sei, habe er im Beruf keinerlei sexuelle Hingezogenheit verspürt.
  • Harry S. beschreibt seine Probleme als "wellenförmig" Teilweise habe er seine Annäherungsversuche bereits nach dem Ansprechen wieder abgebrochen. Er berichtet auch davon, wie er einmal im Augsburger Stadtteil Hochzoll ein Mädchen angesprochen habe. Später habe er seine sexuellen Annäherungsversuche verstärkt.

    Währenddessen habe er sich aber im "familiären Bereich" bereits dem Sohn seiner damaligen Partnerin genähert.

  • Offenbar ist die pädophile Neigung bei Harry S. mit der Zeit immer stärker geworden. Er selbst beschreibt das so.
  • Seine nächste Partnerin hat Harry S. beim Roten Kreuz gefunden, berichtet er. Es habe eine Zeit gegeben, zu der er sich für "geheilt" hielt. Er sei damals glücklich gewesen.

    S. berichtet überraschend offen von seinen pädophilen Neigungen. Es scheint, als wolle er tatsächlich reinen Tisch machen. Inzwischen spricht er auch flüssig und vertraut sich dem Vorsitzenden Richter Lenart Hoesch im Dialog an.

  • Harry S. tröstete sich mit der Tatsache, dass sein "Stiefsohn" nichts von seinen Taten mitbekommen hat - weil er ihn zuvor betäubt hatte.
  • S. weint wieder, als er davon erzählt, wie er sich eine Familie erträumt hat. Doch nach und nach musste er feststellen, dass er seine pädophilen Neigungen nicht dauerhaft unterdrücken kann.

    2013 sei die "familiäre Phase" schon gescheitert, so S. Das habe sich auch daran gezeigt, dass er zu jener Zeit erstmals bei einem Kinderausflug "übergriffig" geworden sei. Die Pädophilie habe sich mehr und mehr Raum erobert.

    Die Offenheit, mit der Kinderarzt Harry S. in seine Seele blicken lässt, wirkt beinahe verstörend. Kaum jemand konnte erwarten, dass er so detailliert über sich und seine Taten berichtet.

  • Harry S. berichtet nun, warum er 2013 nach Hannover gegangen ist. Er sei in Augsburg unzufrieden gewesen, obwohl er im Beruf sehr geschätzt gewesen sei. Er habe zunehmend das Gefühl gehabt, Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Der Versuch einer Familie sei ebenfalls gescheitert. Und es habe ein attraktives Angebot der Medizinischen Hochschule Hannover vorgelegen.

    Der Schritt aus dem gewohnten Umfeld sei sehr groß gewesen, er habe damit auch die Hoffnung auf einen Veränderung an sich selbst verbunden.

  • Es wirkt so, als ob Dr. Harry S. inzwischen die vielen Menschen im Gerichtssaal ausblendet und sich ganz auf den Dialog mit dem Vorsitzenden Richter einlässt. Schon über eine Stunde beantwortet der Angeklagte jetzt die Fragen von Lenart Hoesch.

    S. beschreibt seinen Kampf, sich von seinen pädophilen Neigungen zu befreien. Er habe auch einmal anonym bei einer Telefonhilfe angerufen, dort aber nicht die erhoffte konkrete Anlaufstelle erhalten. Richter Hoesch entgegnet, ihm als Kinderarzt müsse doch klar sein, dass es mit einem Anruf nicht getan ist. S. sagt, er habe befürchtet, dass er im Zuge einer möglichen psychiatrischen Behandlung seinen Beruf als Kinderarzt hätte aufgeben müssen. Das sei für ihn eine fürchterliche Vorstellung gewesen. Die Arbeit sei seine "Insel" gewesen, sagt er erneut.

  • Harry S. räumt ein, später auch Kontakte ins sogenannte Darknet gehabt zu haben, also in Räume im Internet, in denen man sich weitgehend unbemerkt austauschen kann. Die großen Mengen an Kinderporno-Dateien erklärt Harry S. damit, dass er einfach immer weiter gesucht und heruntergeladen habe. Später habe er die Fotos und Videos stundenlang sortiert. 
  • Nun erklärt Harry S., warum er Fotos von seinen Taten gemacht hat: Er habe sich daran erregt. Eine andere Erklärung hat er nicht. Die Ermittler waren später froh, dass Harry S. alles gespeichert hatte. Das macht für sie die Beweisführung einfacher.
  • Nach über dreieinhalb Stunden gibt es die erste Pause. Bei vielen machen sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar.
  • Nach der Pause startet die erste Fragerunde an den Angeklagten. Zuerst sind die Berufsrichter dran.
  • Auf Nachfragen von Staatsanwltin Maiko Hartmann berichtet Harry S. noch einmal von seinem Versuch, bei der Berliner Charité und über die Hotline "Kein-Täter-werden" Hilfe zu suchen. Er habe sich anonym gemeldet, sei aber nicht bereit gewesen, seine Geschichte zu erzählen.
  • Auf die Frage des Nebenklagevertreters Stephan Eichhorn erneuert Harry S. seine Aussage, dass er in seinem Job am Augsburger Kinderklinikum nie seine Neigungen ausgelebt habe, ja, sie nicht einmal verspürt habe.

    Auf viele Fragen hat S. keine Antworten. Er sagt, er sei selbst noch nicht so weit in seiner Aufarbeitung.

    Der Angeklagte ringt um Beschreibungen für das, was sich in ihm abspielt. Er spricht von "Wellenbergen". Ein Nebenklageanwalt fragt ihn, ob er meint, dass in diesen Zeiträumen der Trieb stärker wird. S.: "Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann."

  • Auch sein nach Aktenlage erstes Opfer hat Harry S. über den ehrenamtlichen Dienst beim Roten Kreuz kennengelernt, berichtet er selbst. Er sei eine Art Ersatzvater geworden und habe eine Art Beziehung zur Mutter des Jungen unterhalten.
  • Er habe nie mit dem Gedanken gespielt, sich der Polizei zu stellen, sagt Dr. S.

    Ein Vorfall spielte sich im Phantasialand in Brühl ab. Dort übernachtete der Kinderarzt mit dem Sohn seiner Bekannten. Er räumt ein, an dem Buben im Hotelzimmer Oralverkehr ausgeübt zu haben.

    Irgendwann sagte der Bub nach den Worten des Angeklagten, er möge das nicht mehr. "Dann war auch Schluss", sagt S.

  • Häufig hat Harry S. mit seinen Opfern aus dem Bekanntenkreis Filme angesehen, darunter zum Beispiel "Herr der Ringe". Während dieser Flmabende versuchte er dann, sich den Buben zu nähern.
  • Der Gerichtssaal ist inzwischen fast leer. Nur vereinzelt verfolgen noch Medienvertreter und Zuschauer den spannenden Prozess.
  • Harry S. berichtet, dass er beim ersten Opfer noch nicht aufgeschrieben habe, wann er den Buben missbraucht hat. Er habe von ihm auch noch keine Fotos gemacht und ihm keine Betäubungsmittel verabreicht. Bei späteren Opfern hat sich das dann geändert.

    Harry S. weicht keiner Frage aus. Es scheint so, als ob er sich ernsthaft darum bemüht, wahrheitsgemäß zu antworten.

  • Und der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch macht immer noch weiter. Ihm geht es jetzt um Behauptungen des Angeklagten bei der Polizei, er habe sich in einigen Fällen in die Wohngebiete mehr oder weniger "verirrt". Der Richter hegt den Verdacht, dass S. vielmehr mit dem Ziel herumgefahren ist, Opfer zu suchen.

    Fünf Stunden dauert der Prozess heute Nachmittag schon. Nur eine kurze Pause von wenigen Minuten gab es. Das Gericht verlangt von den Prozessbeteiligten einiges ab.

  • Die Sitzung ist für heute, nach mehr als fünf Stunden, beendet. Der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch vertagt das Verfahren auf den nächsten Tag. Am morgigen Dienstag soll Harry S. ab 8.30 Uhr weiter aussagen und Fragen beantworten.
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